Mehr emotionale Resilienz durch Superressourcen

18. Juni 2026

Grafik: Frau umarmt Herz

Beim vergangenen change:maker Event nahm uns Elisabeth Cartolaro mit auf eine Reise durch die Welt unserer Emotionen. Ganz nach dem Motto „HAPPINESS IS INSIDE YOU" zeigte die Emotionscoach und Mental-Health-Expertin, wie wir zu unseren Superressourcen gelangen und sie bewusst aktivieren können.

Wenn Projekte nicht am Inhalt scheitern

Emotionen prägen unseren Arbeitsalltag maßgeblich. In Meetings, in Projekten, in Veränderungsprozessen reagieren wir ständig auf das, was um uns herum passiert. Vielen von uns sind Frustration, Druck, Unsicherheit oder Ärger im Berufskontext nicht fremd. Während Organisationen versuchen, Herausforderungen rein mit Methoden und Analysen zu lösen, bleibt eine Ebene oft vernachlässigt oder unberücksichtigt: der emotionale Zustand der Beteiligten. Dabei entscheidet er häufig darüber, ob Zusammenarbeit gelingt oder nicht.

„Es ist eigentlich egal, ob es ein Individuum, ein Team oder eine Organisation ist – am Ende haben wir es immer mit Emotionen und Resonanzen zu tun.“, betont Elisabeth Cartolaro.

Das Ziel ist nicht, von Methoden oder Strukturierungen wegzukommen, sondern einen Arbeitsalltag zu gestalten, in dem die Kraft der Emotionen aktiv gesehen und genutzt werden. Ein Schritt in diese Richtung ist die eigene Kultivierung von Superressourcen: kraftvolle innere Zustände, die wir bewusst und aktiv erzeugen können. Sie stabilisieren und regulieren uns, sodass wir handlungsfähig bleiben – vor allem dann, wenn etwas als stressvoll und belastend wahrgenommen wird.

Zwischen natürlichem Zustand und Arbeitsrealität

Elisabeth Cartolaro beschreibt den „natürlichen Zustand" des Menschen als emotionale Grundausrichtung aus Interesse, Freude, Liebe, Kooperation und Sicherheit. In der Forschung, beispielsweise in der Polyvagaltheorie, wird dieser Zustand als „Social Engagement System” bezeichnet.

Im Arbeitsalltag ist er selten die Regel. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass sich Menschen im Beruf häufig frustriert oder emotional erschöpft fühlen. Das liegt nicht daran, dass Menschen „zu emotional" sind, sondern daran, dass Arbeitskontexte sehr häufig genau die Trigger aktivieren, die unser System in Alarmzustände versetzen.

Unter Stress reagieren wir selten neutral. Wir wechseln in tief verankerte Muster, die dazu führen, dass wir uns angegriffen fühlen, uns zurückziehen oder der Situation aus dem Weg gehen. Was in akuten Gefahrensituationen sinnvoll ist, kann im organisationalen Alltag schnell zum Problem werden und Betroffene in eine Erschöpfungsspirale führen, die sich schleichend entwickelt:

  1. Stufe: Die ersten Anzeichen der Erschöpfung sind zu erkennen an Schmerzen aller Art und Schlafstörungen.
  2. Stufe: Die Erschöpfung schreitet voran. Das Verhalten ändert sich, alles dreht sich nur noch um die Arbeit.
  3. Stufe: Die Erschöpfung nimmt überhand: Leistung & Lebensmut schwinden, Körper & Geist steuern auf die völlige Erschöpfung zu.

Der blinde Fleck: emotionale Selbstwahrnehmung

Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt im Vortrag ist das Konzept „self:connect". Es beschreibt die Qualität der Verbindung zu sich selbst, also die Fähigkeit achtsam wahrzunehmen, was gerade innerlich passiert. Viele Menschen nehmen ihre Emotionen zwar wahr, können die gesendeten Signale jedoch nicht lesen. Diese Interpretation der Signale entscheidet jedoch darüber, wie wir reagieren und zu welchen Resonanzaussagen wir fähig sind.

Elisabeth Cartolaro weist darauf hin, dass diese Fähigkeit eng mit psychischer Stabilität und Sicherheit zusammenhängt. Wer Emotionen nicht genau erkennen und unterscheiden kann, hat weniger Möglichkeiten, angemessen und beziehungsförderlich darauf zu reagieren. Auf Organisationen übertragen heißt das: Ein Team, das seine eigenen emotionalen Zustände nicht versteht, kann sie auch nicht regulieren, zerfällt im schlimmsten Fall und die Leistung schwindet. Das kann wiederum zu Makierungen, unklaren Reaktionen, Konflikten und schlechten Entscheidungen führen.

Herz öffnen, statt Kopf zerbrechen

Austausch

Herz öffnen, statt Kopf zerbrechen

In vielen Organisationen ist der Zugang zu Problemen stark kognitiv und ausschließlich rational geprägt. Diese analytische Herangehensweise ist wichtig und der systemische Blick auf Emotions- und Kommunikationsdynamiken verändert das Bewusstsein dafür, was die Organisation wirklich braucht.

„Herz öffnen, statt Kopf zerbrechen“, betont Elisabeth Cartolaro als Zugang zur Stimmigkeit. Denn nicht jedes Problem lässt sich rein auf kognitiver Ebene lösen – vor allem dann nicht, wenn emotionale Dynamiken eine zentrale Rolle spielen.

Im Workshop veranschaulichte die Mental Health Expertin den Zusammenhang zwischen Emotionen und körperlichen Empfindungen mit einem kleinen Experiment. Die Teilnehmenden wurden gebeten, sich imaginativ eine Zitrone vorzustellen, sie aufzuschneiden und zum Mund zu führen. Die Rektion war eindeutig körperlich: erhöhter Speichelfluss, automatisches Verziehen des Gesichts.

Der Körper reagiert auf das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und was wir uns vorstellen. Wenn wir uns gedanklich immer wieder mit belastenden Situationen beschäftigen, verstärken wir genau jene emotionalen Zustände, die uns blockieren. Der Versuch, Probleme „wegzudenken", verstärkt diese oft nur.

Die Kraft von Superressourcen

Hier kommen die Superressourcen ins Spiel. Gemeint sind damit emotionale Zustände, die nachweislich stabilisierend wirken und die Handlungsfähigkeit erhöhen.

Dazu zählen:

  • Stolz
  • Entspannung
  • Dankbarkeit
  • Ehrfurcht
  • Mitfreude
  • Flow

Insbesondere der Begriff Stolz sorgt bei den Teilnehmer:innen für Nachfragen. Stolz ist für viele eher negativ besetzt. Elisabeth Cartolaro differenziert hier sehr klar: gemeint ist nicht die überhebliche Ausprägung, sondern die Fähigkeit, sich eigene Erfolge bewusst zu machen, die durch das eigene Handeln entstanden sind. Diese Form von Stolz stärkt die Durchsetzungs- und Einflusskraft und die Möglichkeit, mit Belastungen umzugehen.

Ähnlich verhält es sich mit anderen Superressourcen wie etwa der Dankbarkeit. Die regelmäßige Reflexion positiver Erfahrungen kann messbare Veränderungen im Gehirn auslösen – entscheidend ist dabei weniger der Inhalt als die wiederholte Aktivierung dieses Zustands.

Die Ressourcenschaukel

Eine besonders wirksame Methode ist die sogenannte Ressourcenschaukel, die im Zuge des Vortrags nicht nur theoretisch erklärt, sondern live demonstriert wurde. Eine Teilnehmerin schilderte eine Situation, die für sie mit Unsicherheit und Verantwortung verbunden ist. Nachdem das Problem bewusst angesprochen und die Intensität der Emotion skaliert worden war, folgte die gezielte Aktivierung der Superressourcen.

Elisabeth Cartolaro stellte der Teilnehmerin Fragen, die diese emotionalen Ressourcen zum Vorschein bringen. Im Anschluss reflektierte die Teilnehmerin die Ausgangssituation erneut und skalierte sie. Bereits nach der ersten Schleife beschrieb sie die Veränderungen, die sich nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich zeigten: Die Atmung wurde ruhiger, die Anspannung ließ nach und das Problem wirkte weniger bedrohlich. Das Belastungsempfinden ist durch den Prozess gesunken und die Herausforderung als besser annehmbar wahrgenommen.

Mit dieser Herangehensweise werden Probleme nicht verdrängt, sondern verlieren ihre Dominanz.

Motivkompass als Wegweiser

Kompass

Motivkompass als Wegweiser

Ein weiterer Baustein ist der sogenannte Motivkompass, der sich zwischen vier grundlegenden menschlichen Motiven bewegt:

  • Durchsetzung & Einfluss
  • Ordnung & Stabilität
  • Harmonie & Geborgenheit
  • Inspiration & Leichtigkeit

Diese Grundbedürfnisse wirken gleichzeitig und oft in Wechselwirkung. Wenn sich Führungskräfte häufig stark im Feld „Durchsetzung und Einfluss“ bewegen und die Balance nicht gehalten wird, kann dies langfristig zu Dysbalancen führen.

Das Ziel ist nicht, einen idealen Mittelpunkt oder neutralen Zustand zu erreichen, sondern flexibel zwischen unterschiedlichen Zuständen balancieren zu können. Oder wie es Elisabeth Cartolaro formuliert: „Jeder braucht das gesamte Team" – also die gesamte Bandbreite an Emotionen, um handlungsfähig zu bleiben.

Komplexität mit Superressourcen begegnen

Emotionale Resilienz ist keine individuelle Eigenschaft, die man entweder hat oder nicht, sondern etwas, das sich in belastenden Situationen zeigt und beeinflussbar ist. Zentral ist dabei, den eigenen emotionalen Zustand nicht dem Zufall zu überlassen. Stattdessen sollte er wahrgenommen und gezielt in die Flexibilität gebracht werden.

Hier setzten Superressourcen an. Sie wirken tiefer als alltägliche Strategien wie Durchhalten und Funktionieren. Aktiviert und kultiviert unterstützen sie das eigene psychische System dabei, sich zu balancieren. Das bedeutet nicht, dass Probleme damit beseitigt werden – vielmehr geht es um einen ressourcenvollen Umgang mit ihnen.

Emotionale Balance ist wichtig, um arbeitsfähig zu bleiben. Dabei geht es aber nicht um Selbstoptimierung – einem Konzept, bei dem man Gefahr läuft, die Verbindung zu sich selbst zu verlieren. Im Zentrum steht die Fähigkeit, überhaupt wahrzunehmen:

  • Was fordert mich heraus? Was fühle ich gerade?
  • Ist es Angst, Ärger oder Überforderung?
  • Was sollte ich tun, um es zu meistern?
  • Was bin ich in der Lage zu tun?
  • Funktioniert es oder muss ich meine Reaktion anpassen?

In dieser Verbindung zum eigenen emotionalen Zustand könnte ein Ansatz für den Umgang mit Komplexität im Arbeitsalltag liegen: Wir sollten weniger versuchen, jede Situation sofort zu lösen und mehr darauf achten, von welchem inneren Platz heraus wir ihr begegnen.

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change:maker: Meta-Mindsets – innere Haltungen bewusst gestalten

Grafik einer Frau im Schneidersitz

change:maker: Meta-Mindsets – innere Haltungen bewusst gestalten

In einer Welt voller Gespräche, Entscheidungen und Beziehungen ist emotionale Intelligenz eine der kraftvollsten Fähigkeiten, die wir entwickeln können. In diesem 2. Teil von self:connect widmen wir uns am 29. September 2026 den sogenannten Meta-Mindsets. Das sind übergeordnete innere Selbstwert-Facetten, die unsere Emotionen, Entscheidungen und Beziehungen maßgeblich prägen.